Es geschieht morgens im Bad, zwischen Aufwachen und erstem Kaffee: Man putzt die Zähne, spückt aus und sieht eine rötliche Färbung im Waschbecken. Oder man beisst in einen Apfel und bemerkt die Blutspuren am Fruchtfleisch. Zahnfleischbluten ist so verbreitet, dass viele es als normale Begleiterscheinung der Mundhygiene abtun. Ein Irrtum mit Folgen.
Gesundes Zahnfleisch blutet nicht. Nicht beim Putzen, nicht beim Essen, nicht bei der Verwendung von Zahnseide. Wenn es blutet, ist das ein Signal – eines, das ernst genommen werden sollte.
Die Biologie der Entzündung
Zahnfleischbluten ist in den allermeisten Fällen das Symptom einer Gingivitis, einer Entzündung des Zahnfleisches. Der Mechanismus ist immer derselbe: Bakterielle Beläge, die nicht gründlich genug entfernt werden, siedeln sich am Zahnfleischrand an. Die darin enthaltenen Mikroorganismen produzieren Stoffwechselprodukte und Toxine, auf die das Immunsystem reagiert.
Diese Reaktion – die Entzündung – ist zunächst ein Verteidigungsmechanismus. Der Körper versucht, die Eindringlinge zu bekämpfen. Die Blutgefässe im Zahnfleisch weiten sich, um mehr Immunzellen an den Ort des Geschehens zu bringen. Das Gewebe wird stärker durchblutet, röter, empfindlicher. Die Gefässwände werden durchlässiger. Bei mechanischer Belastung – dem Druck einer Zahnbürste, dem Kontakt mit Nahrung – tritt Blut aus.
Im Anfangsstadium ist diese Entzündung vollständig reversibel. Werden die Beläge entfernt, klingt sie ab. Das Zahnfleisch erholt sich, das Bluten hört auf. Geschieht das nicht, kann die Gingivitis fortschreiten – mit weitreichenderen Konsequenzen.
Der Weg zur Parodontitis
Bleibt eine Zahnfleischentzündung über längere Zeit unbehandelt, kann sie sich ausbreiten. Aus der oberflächlichen Gingivitis wird eine Parodontitis – eine Entzündung, die den gesamten Zahnhalteapparat erfasst. Das sind die Strukturen, die den Zahn im Kiefer verankern: das Zahnfleisch, die bindegewebigen Fasern, der Kieferknochen.
In der entzündlichen Reaktion baut der Körper nicht nur fremdes Material ab, sondern auch eigenes Gewebe. Die Zahnfleischtaschen – der Spalt zwischen Zahn und Zahnfleisch – vertiefen sich. In diesen tieferen Taschen finden Bakterien ideale Bedingungen vor: geschützt, sauerstoffarm, schwer zu reinigen. Der Knochen weicht zurück, die Zähne verlieren ihren Halt. In fortgeschrittenen Stadien beginnen sie zu wackeln. Am Ende steht häufig der Zahnverlust.
Parodontitis ist weltweit die häufigste Ursache für den Verlust von Zähnen im Erwachsenenalter. Das Tückische: Sie verläuft oft schmerzfrei. Viele Betroffene bemerken die Erkrankung erst, wenn bereits erhebliche Schäden entstanden sind.
Das Blutungsparadox
Ein verständlicher, aber fataler Reflex ist es, die blutenden Stellen zu schonen. Wer sieht, dass das Zahnfleisch blutet, neigt dazu, dort vorsichtiger zu putzen oder ganz auszuweichen. Die Logik scheint einleuchtend: Wenn es blutet, verletze ich etwas, also höre ich auf.
Doch diese Logik führt in die Irre. Das Bluten ist nicht die Folge mechanischer Verletzung, sondern der Entzündung. Und die Entzündung entsteht durch bakterielle Beläge. Wer aufhört, diese Stellen zu reinigen, lässt die Ursache bestehen – und verschlimmert das Problem.
Die richtige Reaktion ist das Gegenteil: Die Mundhygiene intensivieren, gerade an den blutenden Stellen. Sanft, aber gründlich. Mit einer weichen Zahnbürste, die das Zahnfleisch nicht zusätzlich reizt. Mit Zahnseide oder Interdentalbürsten, um auch die Zwischenräume zu erreichen. Bei konsequenter Anwendung sollte das Zahnfleischbluten innerhalb von ein bis zwei Wochen deutlich nachlassen.
Weitere mögliche Ursachen
Obwohl Plaque die mit Abstand häufigste Ursache für Zahnfleischbluten ist, gibt es andere Faktoren, die eine Rolle spielen können. Hormonelle Veränderungen – in der Schwangerschaft, in der Pubertät, in den Wechseljahren – können das Zahnfleisch empfindlicher machen. Medikamente wie Blutverdünner erhöhen die allgemeine Blutungsneigung. Systemische Erkrankungen wie Diabetes beeinflussen die Immunabwehr und erhöhen das Risiko für Zahnfleischentzündungen.
Auch mechanische Faktoren können Blutungen verursachen: Eine zu harte Zahnbürste, zu starkes Aufdrücken, ungeschickte Handhabung von Zahnseide. Diese Ursachen sind jedoch erkennbar – sie treten punktuell auf und heilen schnell ab. Anhaltendes, wiederkehrendes Bluten deutet fast immer auf eine Entzündung hin.
Wann der Zahnarzt gefragt ist
Wenn das Zahnfleischbluten trotz verbesserter Mundhygiene nach zwei Wochen nicht nachlässt, ist ein Besuch in der Praxis ratsam. Ebenso, wenn das Zahnfleisch stark geschwollen oder schmerzhaft ist, wenn sich das Zahnfleisch sichtbar zurückzieht, wenn anhaltender Mundgeruch auftritt oder wenn Zähne sich locker anfühlen.
Je früher eine Zahnfleischerkrankung erkannt wird, desto einfacher ist die Behandlung. Eine beginnende Gingivitis lässt sich oft schon mit einer professionellen Zahnreinigung und Anleitung zur häuslichen Pflege in den Griff bekommen. Bei fortgeschrittener Parodontitis sind aufwendigere Massnahmen erforderlich – systematische Tiefenreinigung, manchmal chirurgische Eingriffe.
Zahnfleischbluten ist kein Schicksal. Es ist ein Warnsignal, das ignoriert oder beachtet werden kann. Die Konsequenzen dieser Entscheidung können ein Leben lang spürbar sein.
Häufig gestellte Fragen
Ist Zahnfleischbluten gefährlich?
Zahnfleischbluten selbst ist nicht gefährlich, aber ein Warnsignal für Entzündung. Unbehandelt kann sich daraus eine Parodontitis entwickeln, die zum Zahnverlust führen kann.
Was kann ich selbst gegen Zahnfleischbluten tun?
Die Mundhygiene intensivieren, auch an den blutenden Stellen. Sanft, aber gründlich putzen, Zahnseide oder Interdentalbürsten verwenden. Bei konsequenter Pflege sollte das Bluten nach ein bis zwei Wochen nachlassen.
Wann sollte ich zum Zahnarzt?
Wenn das Bluten trotz verbesserter Mundhygiene nach zwei Wochen anhält, das Zahnfleisch stark geschwollen ist, oder wenn Sie lockere Zähne bemerken.
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