Zahnseide: Der unterschätzte Schlüssel zur Zahngesundheit

Zahnseide richtig benutzen – Schritt-für-Schritt Anleitung. Warum Zahnseide wichtig ist & was bei Zahnfleischbluten hilft. Tipps vom Zahnarzt.
Dr. Ayhan Akyildiz
October 28, 2025
7
Min Lesezeit

Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie tun sollten, und die wir dennoch unterlassen. Die Zahnseide gehört für viele Menschen in diese Kategorie. Sie liegt in der Schublade, manchmal noch original verpackt, ein stummer Vorwurf bei jedem Öffnen des Badezimmerschranks. Die Statistiken sind ernüchternd: Nur etwa jeder Vierte in der Schweiz verwendet regelmässig Zahnseide. Der Rest verlässt sich auf die Zahnbürste allein – und übersieht dabei einen erheblichen Teil der Zahnoberfläche.

Die Rechnung ist simpel: Eine Zahnbürste, gleich welcher Art, erreicht etwa 60 Prozent der Zahnoberflächen. Die restlichen 40 Prozent – die seitlichen Flächen zwischen den Zähnen – bleiben unberührt. Dort, im Verborgenen, siedeln sich Bakterien an, bilden Plaque, produzieren Säuren. Die Folge ist häufig Approximalkaries, also Karies zwischen den Zähnen, eine der häufigsten Kariesformen im Erwachsenenalter.

Die Biologie des Zwischenraums

Betrachtet man einen Zahn von der Seite, wird deutlich, warum die Zahnbürste hier an ihre Grenzen stösst. Die Kontaktpunkte zwischen zwei Nachbarzähnen sind eng, oft nur einen Bruchteil eines Millimeters breit. Die feinsten Borsten einer Zahnbürste messen etwa 0,15 Millimeter im Durchmesser – zu dick, um in diese Spalten einzudringen. Die Bakterien hingegen, mikroskopisch klein, finden hier ideale Bedingungen: geschützt vor mechanischer Reinigung, versorgt mit Nahrungsresten, die sich unweigerlich festsetzen.

Was im Zwischenraum geschieht, bleibt lange unsichtbar. Anders als Karies auf den Kauflächen, die sich früh durch Verfärbungen zeigen kann, entwickelt sich Approximalkaries im Verborgenen. Oft wird sie erst entdeckt, wenn sie bereits weit fortgeschritten ist – bei einer Röntgenaufnahme etwa, oder wenn der Patient Schmerzen verspürt. Dann ist häufig nicht nur ein Zahn betroffen, sondern beide, die den Zwischenraum begrenzen.

Die richtige Technik – und warum sie so oft scheitert

Die Idee hinter der Zahnseide ist einfach: Ein dünner Faden wird zwischen die Zähne geführt und entfernt dort, was die Bürste nicht erreicht. Die Umsetzung erweist sich als tückischer. Viele Menschen sägen die Zahnseide lediglich horizontal hin und her, als wollten sie den Kontaktpunkt durchschneiden. Diese Bewegung erreicht zwar den engsten Punkt zwischen den Zähnen, verfehlt aber das eigentliche Ziel: die Reinigung der seitlichen Zahnoberflächen unterhalb des Kontaktpunkts.

Die korrekte Technik erfordert etwas mehr Finesse. Man führt die Zahnseide vorsichtig zwischen zwei Zähne, sägt sanft, bis sie den Kontaktpunkt passiert hat, und legt sie dann C-förmig um einen der beiden Zähne. In dieser Position bewegt man sie mehrfach auf und ab, vom Zahnfleischrand bis zur Kaufläche, wobei leichter Druck gegen die Zahnoberfläche die Reinigungswirkung erhöht. Dann wiederholt man den Vorgang am Nachbarzahn. Erst wenn beide Flächen gereinigt sind, wechselt man zum nächsten Zwischenraum – und zu einem frischen Abschnitt der Zahnseide.

Das Blutungsparadox

Ein Phänomen, das viele Menschen von der Zahnseide abbringt, ist das Zahnfleischbluten. Die Logik scheint einleuchtend: Wenn es blutet, mache ich etwas falsch, also höre ich auf. Doch diese Schlussfolgerung führt in die falsche Richtung. Zahnfleischbluten bei der Verwendung von Zahnseide ist fast immer ein Zeichen für eine bereits bestehende Entzündung – verursacht durch eben jene Bakterien, die sich im ungepflegten Zwischenraum angesammelt haben.

Gesundes Zahnfleisch blutet nicht. Entzündetes Zahnfleisch hingegen ist empfindlich, die Blutgefässe erweitert, das Gewebe anfällig. Die Lösung liegt nicht im Vermeiden, sondern im Durchhalten. Bei konsequenter Anwendung – täglich, schonend, aber gründlich – klingt die Entzündung ab. Nach ein bis zwei Wochen sollte das Bluten deutlich nachlassen. Tut es das nicht, ist ein Besuch beim Zahnarzt angeraten.

Die Frage der Alternativen

Zahnseide ist nicht für jeden die beste Lösung. Bei grösseren Zahnzwischenräumen, wie sie mit zunehmendem Alter oder nach Zahnfleischrückgang entstehen, sind Interdentalbürsten oft effektiver. Diese kleinen Bürstchen, in verschiedenen Grössen erhältlich, füllen den Zwischenraum besser aus und reinigen die Zahnoberflächen mechanisch gründlicher. Auch Zahnseidehalter oder sogenannte Floss Picks können für Menschen mit eingeschränkter Fingerfertigkeit eine Option sein – wenngleich die klassische Zahnseide bei korrekter Anwendung überlegen bleibt.

Die beste Wahl hängt von der individuellen Anatomie ab. Bei vielen Menschen variieren die Zwischenräume: enger bei den Frontzähnen, weiter bei den Backenzähnen. Eine Kombination aus Zahnseide für die engen und Interdentalbürsten für die weiteren Bereiche ist dann sinnvoll.

Wann und wie oft

Einmal täglich genügt. Die Bakterien brauchen etwa 24 Stunden, um sich in schädlichen Mengen anzusammeln. Der ideale Zeitpunkt ist der Abend, vor dem Zähneputzen. So werden die gelösten Beläge anschliessend weggespült, und das Fluorid aus der Zahnpasta kann besser in die frisch gereinigten Zwischenräume eindringen.

Die Zahnseide ist kein Luxus, kein optionales Extra für besonders Gesundheitsbewusste. Sie ist ein notwendiger Teil der Mundpflege, so grundlegend wie das Zähneputzen selbst. Die Investition – etwa drei Minuten pro Tag – zahlt sich aus in Form von weniger Karies, weniger Zahnfleischproblemen, weniger Zahnarztbesuchen.

Häufig gestellte Fragen

Wie oft sollte man Zahnseide benutzen?
Einmal täglich ist ausreichend. Der beste Zeitpunkt ist abends vor dem Zähneputzen, damit die gelösten Beläge anschliessend entfernt werden.

Warum blutet mein Zahnfleisch bei der Verwendung von Zahnseide?
Zahnfleischbluten deutet auf eine Entzündung hin, verursacht durch Bakterien im Zwischenraum. Bei konsequenter Anwendung sollte das Bluten nach ein bis zwei Wochen nachlassen.

Ist gewachste oder ungewachste Zahnseide besser?
Gewachste Zahnseide gleitet leichter und ist für Einsteiger einfacher zu handhaben. Ungewachste reinigt geringfügig gründlicher, reisst aber auch leichter.

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Tolles und freundliches Team. War nun 2x dort und der Service war top, von Herrn Ahmed, sowie die Damen vor Ort! Sicherlich zu empfehlen.
Bergitta Victor
Patient